Künstliche Identitäten. 31 Positionen aus Fotografie, Kunst und digitalen Projekten, die das Feld abstecken, in dem FACE & FICTION arbeitet: vom inszenierten Selbstporträt über Selfie-Ökonomie und Gesichtserkennung bis zu virtuellen Berühmtheiten und KI-Fotografie. Die Liste ergänzt den theoretischen Kontext und die Positionen im Dialog um die künstlerische Vorgeschichte.
I. Selbstinszenierung: Die Konstruktion des Ich im Bild
Bezug zu FACE & FICTION: Diese Positionen haben das Selbstporträt längst von der Behauptung gelöst, ein Ich abzubilden. FACE & FICTION steht in dieser Linie, ersetzt Kostüm und Maske aber durch ein trainiertes Modell: Nicht ich schlüpfe in eine Rolle, ein Modell erzeugt Rollen aus mir. Und wo Fontcuberta Archive fälscht, legt FACE & FICTION jedes Archiv offen.
Cindy Sherman (USA, geb. 1954)
Die Grande Dame der inszenierten Identität: Seit den Untitled Film Stills (1977–1980) schlüpft Sherman in erfundene Figuren – Filmdiven, Society-Ladys, Clowns – und legt damit die kulturellen Codes von Weiblichkeit und Starbildern offen. 2017 machte sie ihr privates Instagram-Konto öffentlich und nutzte Facetune, Perfect365 und YouCam Makeup für grotesk verzerrte digitale Selbstporträts, die sie selbstironisch als „Königin der Selfies“ positionierten – ohne je ein Selfie im herkömmlichen Sinn zu machen. Für W Magazine schuf sie eine Serie, die das Social-Media-Format „Plandid“ imitiert, den inszeniert wirkenden Schnappschuss.
Zentrale Werke: Untitled Film Stills (1977–1980), Centerfolds (1981), Instagram-Porträts (ab 2017), Plandid-Serie für W
Ausstellungen: Retrospektiven u. a. Tate Modern, Fondation Louis Vuitton; Doppelausstellung mit Morimura im M+ Hongkong (2024/25)
Quellen: W Magazine · New York Times · Hyperallergic · M+ Hongkong · Instagram: @cindysherman
Yasumasa Morimura (Japan, geb. 1951)
Der Osakaer Meister der Verwandlung schlüpft mit Make-up, Kostüm und digitaler Bildbearbeitung in westliche Ikonen – Marilyn Monroe, Audrey Hepburn, Madonna, Greta Garbo – und hinterfragt so die Konstruiertheit von Celebrity und die Geschichte des westlichen Bildkonsums in Japan. Seine One Hundred M’s Self-portraits (1993–2000) zeigen ihn als ganze Galerie von Berühmtheiten, Cindy Sherman eingeschlossen.
Zentrale Werke: Doublonnage (1987–88), One Hundred M’s Self-portraits (1993–2000), Actress Series
Ausstellungen: „Yasumasa Morimura and Cindy Sherman: Masquerades“, M+ Hongkong (ab 14. Dezember 2024); Carnegie Museum of Art
Quellen: M+ Hongkong · Carnegie Museums · Britannica
Samuel Fosso (Kamerun/Nigeria, geb. 1962)
Fosso begann in den 1970ern mit 70’s Lifestyle, übrig gebliebene Filmrollen für fantasievolle Selbstporträts zu nutzen, aufgenommen in seinem Studio in Bangui. Sein späteres Werk verwandelt ihn in Ikone um Ikone: In African Spirits (2008), 14 großformatigen Selbstporträts, verkörpert er Angela Davis, Martin Luther King Jr., Malcolm X, Patrice Lumumba u. a. – Hommagen, die zugleich nach Individualität, Celebrity, Medien und der Geschichte der Repräsentation fragen.
Zentrale Werke: 70’s Lifestyle (1975–78), African Spirits (2008), Emperor of Africa (2013), SIXSIXSIX (2015, 666 Polaroids)
Ausstellungen: „Samuel Fosso: African Spirits“, Menil Collection Houston (2022/23); Retrospektiven u. a. Maison Européenne de la Photographie
Quellen: Menil Collection · Vogue · 1854 Photography · Berlin Art Week
Tomoko Sawada (Japan, geb. 1977)
Sawada untersucht, wie sehr Identität von Konventionen geformt wird: Für ID400 (1998–2001) fotografierte sie sich 400-mal im Passbildautomaten – mit wechselndem Make-up, Frisur und Ausdruck. OMIAI♡ (2001) spielt auf die Fotohefte von Heiratsvermittlungen an, Cover/Face (2002–03) auf japanische Jugend- und Schönheitsideale bis hin zur Ganguro-Ästhetik. In School Days (2004) setzt sie sich digital als sämtliche Schülerinnen und die Lehrerin einer Klasse ein.
Zentrale Werke: ID400 (1998–2001), OMIAI♡ (2001), Cover/Face (2002–03), School Days (2004)
Quellen: Wikipedia · The Photographers’ Gallery · maifeminism · Instagram: @tomokosawada_artist
Nikki S. Lee (Südkorea/USA, geb. 1970)
Für ihre Projects (1997–2001) lebte Lee sich monatelang in Gruppen und Subkulturen ein – Hispanic Community, Yuppies, Drag Queens, Touristen – und ließ sich von deren Mitgliedern als eine der ihren fotografieren. Das Ergebnis sind scheinbar banale Schnappschüsse, die Identität als performativ, aneignbar und wechselbar zeigen („Changing myself is part of my identity“). Lee gilt als Vorläuferin des Identitätsspiels der Social-Media-Ära.
Zentrale Werke: The Projects (1997–2001), u. a. The Skaters Project, The Hispanic Project; Parts (2002–05)
Quellen: National Museum of Women in the Arts · Guggenheim (Lehrmaterial) · Wikipedia
Joan Fontcuberta (Spanien, geb. 1955)
Der Konzeptfotograf aus Barcelona erfindet ganze Archive, um die Glaubwürdigkeit des Fotografischen zu untergraben. Für Sputnik (1997) fabrizierte er Belege für den fiktiven Kosmonauten Ivan Istochnikov – den ins Russische übertragenen eigenen Namen –, der 1968 mit Sojus 2 verschwunden sein soll, samt Porträts mit Fontcubertas Gesicht. Eine Deepfake-Ästhetik avant la lettre, die immer wieder für echt gehalten wurde. Mehr dazu im Text Joan Fontcuberta – Fotografie, Wahrheit und KI.
Zentrale Werke: Fauna (1987), Sputnik (1997), Hemograms (1998)
Quellen: Wikipedia · Harvard Art Museums · Instagram: @joanfontcuberta_
Alison Jackson (Großbritannien)
Jackson inszeniert fotorealistische Pseudo-Paparazzi-Bilder mit Doppelgängern: Prinzessin Diana und Dodi Al Fayed mit erfundenem Kind (1999), Tony Blair und George W. Bush in privaten Situationen, die Royal Family hinter verschlossenen Türen. Ihre Bilder verhandeln, wie viel „Wahrheit“ das Publikum zu glauben bereit ist, und gelten heute als analoge Deepfakes der Celebrity-Kultur. Sie erhielt den Infinity Award des International Center of Photography.
Zentrale Werke: Private (Buch, 2003), Diana/Dodi-Serie (1999), fortlaufende Doppelgänger-Serien zu Politik und Königshaus
Quellen: International Center of Photography · The Independent · Offizielle Website · Instagram: @alisonjacksonartist
Richard Prince (USA, geb. 1949) – „New Portraits“
Princes Instagram-Aneignung ist der zum Werk gewordene Streit um Bildrechte und Selbstdarstellung: Er übernahm fremde Instagram-Posts samt eigenem Kommentar, vergrößerte die Screenshots auf Leinwand und verkaufte sie bei Gagosian für rund 90.000 US-Dollar – gezeigt bei Gagosian („New Portraits“, 2014; weitere Ausstellung Beverly Hills 2020) und auf der Frieze New York. Rechtsstreitigkeiten mit Fotografen und die Reaktion der abgebildeten SuicideGirls, die dieselben Bilder selbst für 90 Dollar verkauften, machten das Werk zum Brennpunkt der Frage, wem ein Selbstbild im Netz gehört.
Zentrale Werke: New Portraits (2014–2020), Canal Zone
Galerien: Gagosian (New York, Beverly Hills)
Quellen: Vulture · Gagosian · Gagosian (Ausstellungs-PDF)
Nancy Burson (USA, geb. 1948)
Pionierin der digitalen Gesichtsmanipulation: Mit MIT-Entwicklern schuf Burson ab den 1980ern Morphing-Software, die Gesichter altern und verschmelzen ließ – eine Technik, mit der später Vermisste und entführte Kinder gealtert dargestellt wurden. Ihre Human Race Machine ließ Betrachter sich mit den Merkmalen anderer Herkunft sehen; ihre Composite-Porträts, etwa aus mehreren berühmten Filmgesichtern, stellen die fotografische Wahrheit des Gesichts grundsätzlich in Frage. Eine direkte historische Wurzel heutiger Face-Swap- und Deepfake-Technik.
Zentrale Werke: Aging Machine (1980er), Composite-Porträts, Human Race Machine (um 2000)
Quellen: Truth in Photography · Kate Vass Galerie · Right Click Save · Instagram: @nancyburson
Chino Otsuka (Japan/Großbritannien)
Otsuka montiert sich digital in die eigene Kindheit: In Imagine Finding Me (2005–2009) steht ihr erwachsenes Ich neben dem kindlichen in alten Familienfotos – eine poetische Verhandlung von Zeit, Erinnerung und der Konstruktion des Selbst. Die Videoarbeiten Memoriography (2009/10) lassen die junge Otsuka in der älteren verblassen.
Zentrale Werke: Imagine Finding Me (2005–09), Memoriography I/II (2009/10)
Quellen: LensCulture · Daiwa Anglo-Japanese Foundation · CNET · Offizielle Website
II. Digitale Identität: Netzkunst und Avatare
Bezug zu FACE & FICTION: Hier wird Identität zur Plattform-Performance und zum Avatar ohne Körper. FACE & FICTION teilt die Frage nach der entkörperten Figur, verzichtet aber auf die Täuschung, von der etwa Ulmans Arbeit lebt: Jedes Bild ist als KI-Bild gekennzeichnet und trägt seine Herkunft mit sich.
Amalia Ulman (Argentinien/USA, geb. 1989) – „Excellences & Perfections“
Die Instagram-Performance, die in die Kunstgeschichte einging: Ab dem 19. April 2014 inszenierte Ulman auf ihrem Konto fünf Monate lang eine fiktive Verwandlung vom „cute girl“ über das „sugar baby“ zur „life goddess“ – mit vorgetäuschter Brustvergrößerung und Makeover-Erzählung. Tausende Follower hielten die Figur für echt. New Museum und Rhizome zeigten die Arbeit in der Reihe First Look, Tate Modern 2016 in „Performing for the Camera“. Kernthema: Lifestyle-Branding und die Wiederholung privilegierter Codes der Selbstinszenierung.
Zentrale Werke: Excellences & Perfections (2014), Privilege (2018)
Quellen: BBC · CNN · New Museum Archive · Tate Modern · Interview Magazine · Instagram: @amaliaulman
LaTurbo Avedon (online seit 2008)
Eine reine Online-Persona: Avatar, Künstlerin und Kuratorin in einem, ohne öffentlich bekanntes physisches Gegenüber. Die Arbeit verhandelt nicht-physische Identität und Autorschaft; Avedon kuratierte die Online-Galerie Panther Modern und baut virtuelle Räume auf Plattformen von Second Life bis Fortnite. Ausstellungen u. a. Whitney Museum, Barbican, MAK Wien, Manchester International Festival.
Zentrale Werke: Panther Modern (Online-Galerie), Your Progress Will Be Saved, Installationen in virtuellen Welten
Quellen: Offizielle Website · Whitney Museum · Wikipedia · Instagram: @laturbo
Lu Yang (China/Japan, geb. 1984)
Lu Yangs zentrale Figur ist DOKU, ein androgynes digitales Alter Ego, benannt nach einer buddhistischen Vorstellung, dass man allein geboren wird und allein stirbt. DOKU tritt als „digitale Reinkarnation“ des Künstlers auf – in Videoinstallationen, als Projektion am Times Square und in virtuellen Welten – und durchwandert die sechs Daseinsbereiche der Wiedergeburt. Die Arbeit verhandelt die Entkörperung des Selbst, Gender-Fluidität und die Grenze zwischen Avatar und Mensch.
Zentrale Werke: Uterus Man (2013), Lu Yang Delusional Mandala (2015), DOKU: Digital Alaya (2021), DOKU the Self (2022), DOKU: Digital Reincarnation (2023)
Galerien/Ausstellungen: Société Berlin; Fondation Louis Vuitton (2024); Times Square Arts
Quellen: Société Berlin · Times Square Arts · Observer · Jane Lombard Gallery · Instagram: @luyangasia
Sondra Perry (USA, geb. 1986)
Perry arbeitet mit 3D-Avataren ihres eigenen Körpers und Gesichts, deren Haut in Chroma-Key-Blau erscheint, um die Konstruktion von Schwarzsein im digitalen Raum zu verhandeln. In Graft and Ash for a Three-Monitor Workstation (2016) sitzt man auf einem Trainingsrad vor drei Bildschirmen, auf denen Perrys Avatar von der Erschöpfung spricht, die Schwarzsein in den USA bedeutet. Ihre Arbeit ist eine zentrale Referenz für die Politik des Avatar-Körpers.
Zentrale Werke: Lineage for a Multiple-Monitor Workstation (2015), Graft and Ash for a Three-Monitor Workstation (2016), Typhoon Coming On (2018)
Quellen: MoMA · Whitney Museum · Electronic Arts Intermix · Instagram: @sondraperry02
Hito Steyerl (Deutschland, geb. 1966)
Steyerls Videos und Installationen untersuchen, wie Menschen in der Bildökonomie selbst zu Bildern werden. In How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File (2013) gibt sie ironische „Anleitungen“, in einer Welt totaler Sichtbarkeit unsichtbar zu werden – vom Verschwinden im Pixel bis zum Untergehen in der Bilderflut. Mit Essays wie „In Defense of the Poor Image“ und Installationen wie Factory of the Sun (2015) ist sie eine der wichtigsten Stimmen zum digitalen Bild zwischen Theorie und Praxis.
Zentrale Werke: November (2004), How Not to Be Seen (2013), Factory of the Sun (2015)
Quellen: MoMA · New York Times · Instagram: @hito_steyerl
Martine Syms (USA, geb. 1988)
Syms untersucht die Kluft zwischen gelebter Erfahrung und ihrer Darstellung – von der Videoreihe Lessons mit kurzen Clips im Stil von Instagram-Stories bis zu The Mundane Afrofuturist Manifesto (2013). In Ausstellungen wie Fact & Trouble (ICA London, 2016) zerlegt sie, wie Schwarzsein und Weiblichkeit in Medien kodiert werden, von der Sitcom bis zum Selfie.
Zentrale Werke: The Mundane Afrofuturist Manifesto (2013), Lessons (ab 2015), Incense Sweaters & Ice (2017)
Quellen: Studio International · The Art Newspaper · MoMA Projects 106 · Instagram: @martinesyms
Molly Soda & Arvida Byström (USA/Schweden) – „Pics or It Didn’t Happen“
Soda und Byström versammelten in ihrem Buch (Prestel, 2017) Hunderte von Bildern, die Instagram gelöscht hatte – Selfies mit Körperbehaarung, Menstruationsblut, weiblichen Brustwarzen – und dokumentierten damit die Zensurpraxis der Plattform gegenüber Selbstdarstellung. Das Buch ist Archiv und Manifest zugleich: Was Instagram an Körpern nicht duldet, legt fest, wer sich wie zeigen darf.
Zentrale Werke: Pics or It Didn’t Happen: Images Banned from Instagram (Prestel, 2017); Einzelarbeiten von Molly Soda, u. a. Inbox Performance
Quellen: The Independent · South China Morning Post · Instagram: @mollysoda · @arvidabystrom
III. Gesichter, Überwachung und Deepfakes
Bezug zu FACE & FICTION: Diese Arbeiten zeigen, wie Gesichter zu Daten werden und wie sich Daten gegen Gesichter wenden. FACE & FICTION benutzt dieselbe Technik am eigenen Gesicht und macht den Vorgang prüfbar: Modell, Seed, Prompt und Hash stehen bei jedem Bild, siehe Provenienz und Transparenz.
Zach Blas (USA) – „Facial Weaponization Suite“
Blas’ Serie (2011–14) ist ein Klassiker gegen Gesichtserkennung: In Workshops scannte er die Gesichter der Teilnehmenden und verschmolz sie zu kollektiven, amorphen Masken, die biometrische Systeme nicht als Gesichter erkennen. Die Fag Face Mask (2012) antwortet auf Studien, die sexuelle Orientierung aus Gesichtszügen „erkennen“ wollten – eine frühe künstlerische Intervention gegen das Auslesen von Merkmalen durch KI.
Zentrale Werke: Facial Weaponization Suite (2011–14), Fag Face Mask (2012)
Quellen: Offizielle Website · Fachtext (Althoff, transcript Verlag)
Heather Dewey-Hagborg (USA) – „Stranger Visions“
Aus weggeworfenen Kaugummis, Zigarettenkippen und Haaren gewann Dewey-Hagborg DNA und ließ daraus per Software Gesichter errechnen, die sie als 3D-gedruckte Porträts der unbekannten „Spender“ ausstellte – Bildnisse von Menschen, die nie zugestimmt haben. Das Projekt (2012–14) machte die drohende biologische Überwachung durch forensische DNA-Phänotypisierung körperlich erfahrbar.
Zentrales Werk: Stranger Visions (2012–14)
Quellen: Offizielle Projektseite · CNN · Popular Science · Instagram: @hdeweyh
Trevor Paglen & Kate Crawford – „ImageNet Roulette“
Die 2019 gestartete Web-Anwendung ordnete hochgeladene Selfies den Personen-Kategorien des Datensatzes ImageNet zu – und beschriftete Menschen etwa als „nerd“, „wrongdoer“ oder mit rassistisch und misogyn aufgeladenen Begriffen. Die automatische Fremdbeschreibung machte die Vorurteile in Trainingsdaten massenhaft erfahrbar und löste eine weltweite Debatte aus. Den theoretischen Hintergrund liefert der Essay Excavating AI von Crawford und Paglen.
Zentrale Werke: ImageNet Roulette (2019), Excavating AI (Essay, 2019)
Quellen: Paglen Studio · New York Times · Berkeley BCNM · Instagram: @trevorpaglen
Bill Posters & Daniel Howe – „Spectre“ / „Big Dada“
Im Juni 2019 veröffentlichten die Künstler auf Instagram KI-generierte Deepfake-Videos, darunter einen Mark Zuckerberg, der sich der Kontrolle über „Milliarden gestohlener Daten“ rühmt, sowie Deepfakes von Kim Kardashian, Marina Abramović und Morgan Freeman. Die Serie Big Dada, Teil der Installation Spectre (u. a. Sheffield Doc/Fest), zwang Facebook und Instagram zu Stellungnahmen zu ihrem Umgang mit Deepfakes.
Zentrale Werke: Big Dada (2019), Spectre (Installation, 2019)
Quellen: Bill Posters · CBS News · Mother Jones · BBC · Instagram: @bill_posters_uk · @danyelhau
Leo Selvaggio (USA) – „URME Surveillance“
Selvaggio ließ sein eigenes Gesicht als fotorealistische Maske im 3D-Druck herstellen: Wer sie trägt, wird von Überwachungskameras als Selvaggio erfasst – die Identität wird zum geteilten Gegenstand. Ergänzt um eine Papiermaske und einen Video-Encryptor, der Gesichter in Videos durch seines ersetzt, fragt das Projekt (ab 2014), wem im biometrischen Zeitalter ein Gesicht gehört.
Zentrale Werke: URME Surveillance Identity Prosthetic (2014), URME Paper Mask, URME Facial Video Encryptor
Quellen: Offizielle Projektseite · Security Today · Fachaufsatz (Taylor & Francis) · Instagram: @leoselva
Douglas Coupland (Kanada, geb. 1961) – „Deep Face“
Der Autor von Generation X übermalt in Deep Face (2015) Porträtfotos aus Zeitschriften mit Farbflächen, sodass Gesichtserkennung sie nicht mehr erfassen kann – ein analoges Unsichtbarmachen vor der digitalen Identifizierung. Gezeigt in der Ausstellung Bit Rot (Witte de With, Rotterdam, 2015), zusammen mit seinen Slogans for the 21st Century.
Zentrale Werke: Deep Face (2015), Slogans for the 21st Century (ab 2011)
Quellen: Frieze · Wikipedia · Art Viewer · Instagram: @douglascoupland
Anthony Cerniello – „Danielle“
Der knapp fünfminütige Film (2013) zeigt ein Gesicht, das vom Kleinkind zur alten Frau altert – stetig und fast unmerklich. Cerniello fotografierte Mitglieder einer Familie mit ähnlicher Knochenstruktur und ließ die Bilder von Animatoren morphen und interpolieren. Das Ergebnis ist eine synthetische Person, die echt wirkt: ein Gesicht, das es so nie gab, aber als wirklich gelesen wird – die Grundbewegung des Deepfakes und des interpolierten Selbstporträts.
Zentrales Werk: Danielle (2013)
Quellen: Smithsonian Magazine · CBS News · SBS · Film auf Vimeo
Paolo Cirio & Alessandro Ludovico – „Face to Facebook“
Teil der Hacking Monopolism Trilogy: 2011 sammelten Cirio und Ludovico eine Million öffentliche Facebook-Profile, sortierten 250.000 davon per Gesichtsanalyse nach „Temperament“ („smug“, „easy going“, „sly“) und stellten sie auf die fiktive Dating-Seite Lovely-Faces.com. Die Aktion zwang Facebook in eine öffentliche Debatte über Datenzugriff und die Verwertung von Profilbildern.
Zentrale Werke: Face to Facebook (2011); weitere Teile der Trilogie: Google Will Eat Itself, Amazon Noir
Quellen: Offizielle Projektseite · Wikipedia · Instagram: @paolo.cirio.art
IV. Virtuelle Berühmtheiten: Instagram-Figuren als Projekt
Bezug zu FACE & FICTION: Virtuelle Berühmtheiten sind meist kommerzielle Produkte mit verdeckter Autorschaft. FACE & FICTION versteht sich als ihr Gegenmodell: eine künstliche Figur, deren Herstellung vollständig offenliegt.
Lil Miquela
Die CGI-Figur tauchte 2016 auf Instagram auf, erschaffen vom Start-up Brud in Los Angeles, und wurde zur Ikone der virtuellen Celebrity: Millionen Follower, eigene Musik („Not Mine“, 2017), Kampagnen mit Prada und Calvin Klein. 2018 inszenierte Brud einen „Hack“ ihres Kontos durch die Konkurrenzfigur Bermuda samt Bekenntnis, ein Roboter zu sein – ein inszenierter Identitätscrash, der Social-Media-Einfluss selbst zur Performance macht.
Wichtige Momente: Start 2016; „Not Mine“ (2017); „Account-Hack“ durch Bermuda (2018); Aufnahme in die TIME-Liste der einflussreichsten Personen im Internet (2018)
Quellen: TechCrunch · The Ringer · BuzzFeed News · Instagram: @lilmiquela
Shudu
Das „erste digitale Supermodel der Welt“ wurde 2017 vom britischen Fotografen Cameron-James Wilson per 3D-Modellierung erschaffen. Die dunkelhäutige CGI-Figur löste eine Debatte über „Digital Blackface“ aus und darüber, ob ein weißer Schöpfer eine Schwarze Kunstfigur besitzen und vermarkten darf. Shudu erschien in Kampagnen u. a. für Balmain und arbeitet heute mit Marken und Filmstudios.
Wichtige Momente: Instagram-Debüt 2017; Debatte 2018; Kampagnen u. a. für Balmain
Quellen: BBC Worklife · LA Times/WWD · Refinery29 · Elle · Instagram: @shudu.gram
imma
Japans bekanntester „virtual human“ stammt vom Tokioter Studio Aww Inc. und ist am pinkfarbenen Bob zu erkennen; die Bilder wirken so real, dass die Virtualität erst auf den zweiten Blick auffällt. imma arbeitet für IKEA, Porsche und Amazon und führt die japanische Tradition virtueller Idole wie Hatsune Miku in die Influencer-Zeit fort.
Wichtige Momente: Debüt 2018; Kampagnen u. a. für IKEA Japan, Porsche, Amazon Fashion Week Tokyo
Quellen: Aww Inc. · Virtual Humans · Instagram: @imma.gram
Noonoouri
Die comicartige CGI-Figur, erfunden von Joerg Zuber und seiner Münchner Agentur Opium Effect, trägt reale Designermode: Kampagnen u. a. für Dior, Balenciaga und Valentino. Noonoouri zeigt, wie Luxusmarken Berühmtheit vollständig vom Körper lösen – keine Person, keine Skandale, volle Kontrolle. 2023 erhielt sie einen Plattenvertrag bei Warner Music.
Wichtige Momente: Start 2018; Kampagnen für Dior, Balenciaga, Valentino; Plattenvertrag mit Warner Music (2023)
Quellen: deutschland.de · Bernard Marr · Grazia · Instagram: @noonoouri
V. KI-Fotografie heute
Bezug zu FACE & FICTION: Seit KI-Bilder von Fotografien nicht mehr zu unterscheiden sind, ist Kennzeichnung keine Formalität mehr, sondern eine Frage des Mediums. Genau dort setzt FACE & FICTION an.
Boris Eldagsen (Deutschland) – „Pseudomnesia“
2023 reichte Eldagsen das KI-generierte Bild The Electrician aus der Serie Pseudomnesia bei den Sony World Photography Awards ein und gewann die Kategorie „Creative“ des offenen Wettbewerbs. Er lehnte den Preis ab und erklärte, er habe prüfen wollen, ob Fotowettbewerbe auf KI-Bilder vorbereitet sind: KI-Bilder und Fotografie sollten nicht gegeneinander antreten. Der Fall machte weltweit sichtbar, dass die Grenze zwischen Foto und generiertem Bild offengelegt werden muss, weil man sie nicht mehr sehen kann.
Zentrales Werk: Pseudomnesia, darin The Electrician (2022/23)
Quellen: BBC · The Guardian
VI. Ausstellungen und institutioneller Kontext
„From Selfie to Self-Expression“ – Saatchi Gallery, London (2017)
Eine der ersten großen Ausstellungen, die das Selfie als eigene Bildform ernst nahm und in die Geschichte des Selbstporträts stellte – mit Selbstbildnissen von Rembrandt über van Gogh bis Cindy Sherman und Selfies der Gegenwart. Die Ausstellung markiert den Moment, in dem eine Institution das Selfie vom Nutzerverhalten zum kunsthistorischen Thema erhob.
Ort und Zeit: Saatchi Gallery, London, 31. März – 9. Juni 2017 (verlängert)
Quellen: Saatchi Gallery · Evening Standard · Studio International
Weitere Ausstellungen
Gagosian, New York/Beverly Hills: Richard Prince, „New Portraits“ (2014, 2020) · M+ Hongkong: „Yasumasa Morimura and Cindy Sherman: Masquerades“ (ab Dezember 2024) · Menil Collection, Houston: „Samuel Fosso: African Spirits“ (2022/23) · New Museum / Rhizome, New York: Amalia Ulman, „First Look: Excellences & Perfections“ (2014) · Jane Lombard Gallery, New York, Société Berlin und Fondation Louis Vuitton, Paris: Lu Yang, DOKU (ab 2021).
Warum diese Auswahl
Die Liste deckt bewusst mehrere historische Schichten ab, statt nur aktuelle KI-Kunst zu versammeln:
1. Fotografische Selbstinszenierung vor dem Internet (Sherman, Morimura, Fosso, Sawada, Lee, Fontcuberta, Jackson, Burson, Otsuka): Identität als Rolle.
2. Selfie-Ökonomie und Aneignung (Prince, Ulman, Soda/Byström, Syms): Wem gehören Selbstbilder auf Plattformen, und wer darf sie löschen?
3. Gesichtstechnik und Deepfakes (Blas, Dewey-Hagborg, Paglen/Crawford, Posters/Howe, Selvaggio, Coupland, Cerniello, Cirio): vom Widerstand gegen Biometrie bis zum Zuckerberg-Deepfake.
4. Figuren ohne Körper (Miquela, Shudu, imma, Noonoouri, LaTurbo Avedon, Lu Yang, Perry): Berühmtheit und Identität als Avatar.
5. KI-Fotografie (Eldagsen): die Frage, wie generierte Bilder gekennzeichnet werden.
Positionen, mit denen sich FACE & FICTION direkt auseinandersetzt – Holly Herndon & Mat Dryhurst, Roland Meyer, Eryk Salvaggio und Abeba Birhane –, stehen unter Positionen im Dialog; die Theorie von Groys, Manovich, Fontcuberta und Zylinska unter Theoretischer Kontext.
Recherchestand: 31. Oktober 2026. Die Angaben stützen sich auf die jeweils verlinkten Quellen. Hinweise auf Fehler sind willkommen.
Hinweis: Recherche und Text wurden mit Unterstützung von KI erstellt.