Warum glauben wir Bildern? Kaum jemand hat diese Frage so konsequent gestellt wie der katalanische Fotograf, Theoretiker und Konzeptkünstler Joan Fontcuberta. Sein Werk ist ein zentraler Bezugspunkt für mein Projekt Gesicht & Fiktion – KI, Identität und Illusion.
Einordnung
Joan Fontcuberta (*1955 in Barcelona) zählt zu den bedeutendsten Fotografen und Bildtheoretikern der Gegenwart. Seit den 1980er-Jahren untersucht er, wie fotografische Wahrheit konstruiert wird – und warum wir bereit sind, sie zu akzeptieren.
Zentrale Ideen
Für Fontcuberta ist eine Fotografie niemals ein objektiver Beweis. Ihre Bedeutung entsteht erst durch den Kontext: durch Institutionen, Archive, Medien und Bildunterschriften. Ein Bild wirkt glaubwürdig, weil es in einem glaubwürdigen Rahmen erscheint.
Mit dem Begriff Postfotografie beschreibt er eine Welt, in der Milliarden digitaler Bilder weniger dokumentieren als kommunizieren und Aufmerksamkeit erzeugen. 2011 formulierte er diese Gedanken in einem Manifest in der Zeitung La Vanguardia und kuratierte im selben Jahr die Ausstellung From Here On beim Fotofestival in Arles mit.
Wichtige Arbeiten
- Herbarium (1984) – Pflanzen aus Abfall und Industrieteilen, fotografiert im Stil klassischer botanischer Aufnahmen.
- Fauna (1987, mit Pere Formiguera) – erfundene Tierarten, präsentiert als seriöse naturwissenschaftliche Ausstellung mit Fotos, Skizzen und Feldnotizen.
- Sputnik (1997) – die fiktive Geschichte des sowjetischen Kosmonauten Ivan Istochnikov, der angeblich aus der offiziellen Geschichtsschreibung getilgt wurde.
- Googlegramas (ab 2005) – Fotomosaike, die aus Ergebnissen der Google-Bildersuche zusammengesetzt sind; ein frühes Spiel mit Algorithmen als Bildproduzenten.
Das Gesicht des Kosmonauten Istochnikov ist Fontcubertas eigenes. Selbst der Name ist eine Übersetzung: „Istochnik“ bedeutet auf Russisch „Quelle“ – wie „Fontcuberta“ auf Katalanisch.
Fontcuberta und KI
Im Sinne Fontcubertas lässt sich generative KI weniger als Revolution verstehen denn als logische Fortsetzung der Geschichte der Fotografie. KI macht sichtbar, was schon immer galt: Bilder sind Konstruktionen. Entscheidend ist deshalb nicht mehr, ob ein Bild „echt“ ist, sondern welche Funktion es erfüllt und in welchem Kontext es erscheint.
Bezug zu „Gesicht & Fiktion“
Mein Projekt knüpft unmittelbar an Fontcubertas Denken an. Mit KI-generierten Gesichtern und der Integration meiner eigenen Identität in ikonische Fotografien untersuche ich dieselben Fragen nach Authentizität, Autorschaft und Vertrauen in Bilder.
Am deutlichsten wird die Verbindung bei Sputnik: Schon 1997 setzte Fontcuberta sein eigenes Gesicht in eine scheinbar dokumentarische Bildgeschichte ein. Was er damals mit Retusche und erfundenen Archiven tat, mache ich heute mit generativer KI – als zeitgenössisches Werkzeug, um die Konstruktion fotografischer Realität sichtbar zu machen.
Empfohlene Bücher
- El beso de Judas. Fotografía y verdad (1997)
- La cámara de Pandora. La fotografí@ después de la fotografía (2010)
- La furia de las imágenes. Notas sobre la postfotografía (2016)