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Theoretischer Kontext

Theoretischer Kontext. Vier Positionen, die GESICHT & FIKTION – KI, Identität und Illusion einordnen: Boris Groys über Sichtbarkeit, Lev Manovich über Software und Daten, Joan Fontcuberta über fotografische Wahrheit, Joanna Zylinska über verteilte Autorschaft.

I

Boris Groys – Sichtbarkeit statt Authentizität

Für den Philosophen und Medientheoretiker Boris Groys ist das Internet weniger ein Kommunikationsmittel als ein permanenter Ausstellungsraum, in dem Menschen sich fortlaufend selbst gestalten und veröffentlichen. Er nennt das Self-Design. Mit Groys gelesen, zählt Sichtbarkeit mehr als Authentizität: Bilder gewinnen kulturelles Gewicht nicht dadurch, dass sie die Wirklichkeit korrekt abbilden, sondern dadurch, dass sie zirkulieren und Aufmerksamkeit erzeugen.

Gesicht & Fiktion nimmt das wörtlich. Das eigene Gesicht wird zu offenem visuellem Material; ein trainiertes Modell erzeugt zahllose glaubwürdige und zugleich fiktive Versionen derselben Person. Die Frage verschiebt sich von „Ist dieses Bild echt?“ zu „Welche Wirklichkeit erzeugt dieses Bild?“ Groys beschreibt den Künstler zudem als jemanden, der Bilder auswählt und ordnet, statt Objekte herzustellen – eine treffende Beschreibung des KI-Prozesses: Trainingsbilder auswählen, Prompts schreiben, ein Modell feinjustieren, Ergebnisse auswählen und präsentieren. Das trainierte Modell selbst wird zum Archiv, zu einer verdichteten Sammlung fotografischer Information.

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II

Lev Manovich – Das Bild als programmierbare Daten

Lev Manovich gehört zu den einflussreichsten Theoretikern der digitalen Kultur. Während Groys Sichtbarkeit und Öffentlichkeit untersucht, analysiert Manovich die Struktur digitaler Medien selbst: Software, Daten und Algorithmen. In The Language of New Media (2001) beschreibt er fünf Prinzipien, die sich heute wie eine Beschreibung generativer KI lesen:

  • Numerische Repräsentation. Ein digitales Bild besteht aus Zahlen.
  • Modularität. Bilder setzen sich aus unabhängigen Komponenten zusammen.
  • Automatisierung. Software übernimmt Teile des kreativen Prozesses.
  • Variabilität. Ein digitales Objekt existiert in vielen möglichen Versionen – ein Prompt, unendlich viele Varianten.
  • Transkodierung. Ein Bild ist zugleich kulturelles Objekt und mathematischer Datensatz.

In AI Aesthetics (2018) argumentiert er, dass KI den Künstler nicht ersetzt, sondern die Bedingungen kultureller Produktion verändert; Kreativität entsteht im Zusammenspiel von Mensch, Software, Datensätzen, Modellen und kuratorischen Entscheidungen. Mit Cultural Analytics untersucht er Millionen von Bildern algorithmisch und verschiebt den Blick vom einzelnen Werk auf visuelle Muster. In Software Takes Command (2013) beschreibt er Software als unsere Schnittstelle zur Welt.

Für Gesicht & Fiktion ist das auf meinem Gesicht trainierte Modell eine programmierbare Repräsentation: Identität erscheint als Datensatz, aus dem unzählige Varianten entstehen können. Variabilität und Transkodierung erklären, wie fotografische Identität vom dokumentarischen Abbild zu einer algorithmisch erzeugbaren Form wird. Groys fragt, wer Bilder sichtbar macht; Manovich fragt, wie Software sie erzeugt.

Wichtige Bücher: The Language of New Media (2001), Software Takes Command (2013), Instagram and Contemporary Image (2017), AI Aesthetics (2018).

III

Joan Fontcuberta – Warum glauben wir Bildern?

Der katalanische Fotograf und Theoretiker Joan Fontcuberta (*1955) zeigt seit vier Jahrzehnten, wie fotografische Wahrheit konstruiert wird. Für ihn ist eine Fotografie nie ein objektiver Beweis; ihre Bedeutung entsteht durch den Kontext – durch Institutionen, Archive, Medien und Bildunterschriften. Mit dem Begriff Postfotografie beschreibt er eine Welt aus Milliarden digitaler Bilder, die mehr kommunizieren als dokumentieren.

Sein Projekt Sputnik (1997) ist der deutlichste Vorläufer von Gesicht & Fiktion: Der erfundene sowjetische Kosmonaut Ivan Istochnikov, angeblich aus der Geschichte getilgt, trägt Fontcubertas eigenes Gesicht. Was er mit Retusche und erfundenen Archiven tat, mache ich mit generativer KI. Mit Fontcuberta gelesen, ist KI weniger eine Revolution als die logische Fortsetzung der Fotografiegeschichte – sie macht sichtbar, was schon immer galt: Bilder sind Konstruktionen.

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IV

Joanna Zylinska – Kreativität als Netzwerk

Joanna Zylinska ist eine polnisch-britische Medienphilosophin, Künstlerin und Professorin für Medienphilosophie am King’s College London. Sie verbindet Philosophie, Ethik und Medientheorie und untersucht, wie sich Kreativität, Autorschaft und das Menschsein im Zeitalter algorithmischer Systeme verändern. Kreativität versteht sie als relationalen Prozess zwischen Menschen, Maschinen und kulturellen Infrastrukturen; KI ist für sie weder autonom noch neutral, sondern in soziale, politische und ökologische Zusammenhänge eingebettet.

  • KI ist kein autonomer Künstler. Ein Modell erzeugt keine Kunst aus eigenem Antrieb; es arbeitet auf Grundlage menschlich geschaffener Daten, Algorithmen und kultureller Kontexte.
  • Autorschaft verteilt sich auf Künstler, Entwickler, Datensätze, Modelle und Nutzer – das Bild des einzelnen Genies wird erweitert.
  • Fotografie war nie rein objektiv. Sie ist immer durch technische und kulturelle Entscheidungen geprägt; generative KI macht diese Konstruiertheit besonders sichtbar.
  • Ethik gehört zur Ästhetik. Zur Bewertung von KI-Kunst gehören Fragen nach Trainingsdaten, ökologischen Kosten, Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Auswirkungen.
  • Mensch und Maschine bilden ein Netzwerk, keine Gegensätze. Kreativität entsteht aus ihren Beziehungen.

Für Gesicht & Fiktion liefert Zylinska den Rahmen für ein Modell, das auf meinen eigenen Fotografien trainiert ist: Die Autorschaft teilen sich Fotograf, Datensatz, Modell und Prompt – deshalb trägt jedes Bild seine Provenienz.

Wichtige Bücher: The Perception Machine: Our Photographic Future between the Eye and AI (2023), AI Art: Machine Visions and Warped Dreams (2020), Nonhuman Photography (2017), The End of Man: A Feminist Counterapocalypse (2018), Minimal Ethics for the Anthropocene (2014).

Vier Perspektiven, eine Frage

Groys erklärt, warum diese Bilder zählen: Sie existieren, um gesehen zu werden. Manovich erklärt, wie sie entstehen: als programmierbare, variable Daten. Fontcuberta erklärt, warum wir ihnen glauben: wegen des Kontexts, in dem sie erscheinen. Zylinska erklärt, wer sie gemacht hat: ein Netzwerk aus Mensch und Maschine. Gesicht & Fiktion steht dort, wo sich die vier treffen – und fragt nicht, ob KI den Fotografen ersetzt, sondern wie algorithmisch erzeugte Bilder verändern, was wir unter Authentizität, Autorschaft und dem Selbst verstehen.

Über das Projekt

Seit 2024 arbeite ich mit meinem eigenen Gesicht als Ausgangsmaterial für generative Bildmodelle. Face & Fiction untersucht, was von einem Selbstporträt bleibt, wenn die Kamera durch ein Modell ersetzt wird, das gelernt hat, mich zu imitieren.

Jedes Bild ist zugleich Abbild und Erfindung: eine Schleife, in der das Ich sich selbst als Fiktion zurückgespiegelt bekommt.

Timo Schuster · seit 2024 · English version →