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Eine Einordnung im Kontext der Medientheorie von Boris Groys

Eine Einordnung im Kontext der Medientheorie von Boris Groys

Das Ausstellungsprojekt „Gesicht & Fiktion – KI, Identität und Illusion“ untersucht die Verschiebung fotografischer Wahrheitsansprüche im Zeitalter generativer künstlicher Intelligenz. Ausgangspunkt sind Fotografien des eigenen Gesichts, die als Trainingsmaterial für ein KI-Modell dienen. Aus diesen Daten entstehen neue Porträts, in denen Identität nicht mehr dokumentiert, sondern algorithmisch konstruiert wird. Das Projekt bewegt sich damit an der Schnittstelle von Fotografie, maschinellem Lernen und zeitgenössischer Medienkunst.

Self-Design und Sichtbarkeit

Die Arbeiten lassen sich produktiv mit den Überlegungen des Philosophen und Medientheoretikers Boris Groys lesen. Groys versteht digitale Medien nicht in erster Linie als Kommunikationsmittel, sondern als Räume öffentlicher Sichtbarkeit. Das Internet ist für ihn ein permanenter Ausstellungsraum, in dem Menschen ihre Identität kontinuierlich gestalten, veröffentlichen und neu entwerfen. Der Begriff des Self-Design beschreibt diesen Prozess einer ästhetischen Selbstkonstruktion.

Genau an diesem Punkt setzt „Gesicht & Fiktion“ an. Das eigene Gesicht wird nicht als unveränderliches Merkmal begriffen, sondern als offenes visuelles Material. Durch das Training eines KI-Modells entstehen zahllose Varianten derselben Person – realistisch, glaubwürdig und zugleich fiktiv. Die Arbeiten stellen damit die klassische Vorstellung der Fotografie als Beweis oder Dokument infrage. Statt ein authentisches Selbst abzubilden, erzeugen sie eine Vielzahl möglicher Identitäten.

Groys zufolge ist Sichtbarkeit heute wichtiger geworden als Authentizität. Digitale Bilder gewinnen ihre kulturelle Bedeutung nicht dadurch, dass sie eine Wirklichkeit korrekt wiedergeben, sondern dadurch, dass sie öffentlich zirkulieren und Aufmerksamkeit erzeugen. Vor diesem Hintergrund verschiebt sich die Frage von „Ist dieses Bild echt?“ zu „Welche Wirklichkeit erzeugt dieses Bild?“ Das Projekt macht diese Verschiebung sichtbar, indem es KI-generierte Porträts präsentiert, die fotografisch glaubwürdig erscheinen, obwohl sie niemals aufgenommen wurden.

Der Künstler als Organisator

Ein weiterer zentraler Gedanke von Groys betrifft die veränderte Rolle des Künstlers. Zeitgenössische Kunst besteht seiner Auffassung nach zunehmend darin, Bilder, Daten und Informationen zu organisieren, anstatt ausschließlich neue Objekte herzustellen. Diese Beobachtung trifft in besonderer Weise auf KI-Kunst zu. Der kreative Prozess umfasst die Auswahl von Trainingsbildern, die Entwicklung von Prompts, das Fine-Tuning eines Modells, die kritische Auswahl der Ergebnisse und deren kuratorische Präsentation.

Das Projekt macht diesen Prozess transparent. Es zeigt nicht nur fertige Bilder, sondern verweist zugleich auf die Bedingungen ihrer Entstehung: auf Datensätze, Algorithmen und Modelle. Dadurch verschiebt sich der Fokus vom einzelnen Bild auf den gesamten Produktionsprozess. Kunst entsteht hier nicht allein im fertigen Werk, sondern in der Beziehung zwischen Datensatz, Modell, Auswahl und Ausstellung.

Das Modell als Archiv

Ebenso bedeutend ist Groys‘ Verständnis des Archivs. Generative KI produziert keine Bilder aus dem Nichts, sondern verarbeitet bestehende Bildwelten. Jedes neue Bild entsteht aus einem kulturellen Gedächtnis, das in Datensätzen gespeichert ist. Auch das trainierte Modell des eigenen Gesichts ist ein Archiv – eine verdichtete Sammlung fotografischer Informationen, aus der immer neue Varianten hervorgehen.

Die Präsentation der Arbeiten auf digitalen Monitoren verstärkt diesen Gedanken. Im Gegensatz zum klassischen Fotoabzug besitzen die Bilder keinen materiellen Originalzustand. Sie existieren als Daten und werden erst im Moment ihrer Darstellung sichtbar. Damit wird der Ausstellungsraum selbst Teil des Werks.

Vom Abbild zur Konstruktion

„Gesicht & Fiktion – KI, Identität und Illusion“ ist daher weniger eine technische Demonstration künstlicher Intelligenz als eine medienphilosophische Untersuchung über das Verhältnis von Bild, Identität und Öffentlichkeit. Das Projekt fragt nicht, ob KI den Menschen ersetzt, sondern wie algorithmisch erzeugte Bilder unser Verständnis von Authentizität, Erinnerung und persönlicher Identität verändern.

Im Sinne von Boris Groys wird die Ausstellung zu einem Ort, an dem nicht nur Bilder betrachtet werden, sondern an dem sichtbar wird, wie digitale Kultur Identitäten produziert. Das Werk reflektiert damit eine zentrale Entwicklung der Gegenwart: den Übergang von der fotografischen Repräsentation zur algorithmischen Konstruktion des Selbst. Es zeigt, dass künstliche Intelligenz nicht nur neue Bilder hervorbringt, sondern auch neue Formen des Sehens, der Erinnerung und der Selbstwahrnehmung.

Über das Projekt

Seit 2024 arbeite ich mit meinem eigenen Gesicht als Ausgangsmaterial für generative Bildmodelle. Face & Fiction untersucht, was von einem Selbstporträt bleibt, wenn die Kamera durch ein Modell ersetzt wird, das gelernt hat, mich zu imitieren.

Jedes Bild ist zugleich Abbild und Erfindung: eine Schleife, in der das Ich sich selbst als Fiktion zurückgespiegelt bekommt.

Timo Schuster · seit 2024 · English version →