Fotografie · Film · KI-gestützte Bildarbeit · Berlin
Timo Schuster
Seit 2006 arbeitet Timo Schuster an der Schnittstelle von Dokument und Fiktion: von der Langzeitbeobachtung seiner Heimatstadt Ludwigshafen über konsumkritische Straßenfotografie bis zu KI-generierten Selbstbildnissen, deren Herstellung er vollständig offenlegt.
Statement
Timo Schuster arbeitet mit Fragmenten. Seine Bilder entstehen nicht aus der Distanz, sondern aus gelebter Erfahrung: Brüche, Krisen und Erinnerungen bilden das Material seiner Suche nach einem Ort in der Welt. Er arbeitet mit Fotografie, Film, Text und mit Bildern, die er mit künstlicher Intelligenz erzeugt.
Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie in Ludwigshafen, geprägt von katholischen Ritualen und der Industrielandschaft seiner Herkunft, fotografiert er Randzonen: leere Räume, Übergangsorte, Umgebungen im Wandel. Es geht ihm nicht um bloße Dokumentation, sondern um psychologische Dichte und eine produktive Verunsicherung des Blicks.
Offen spricht er über Erfahrungen mit Psychosen, Angst und Stimmenhören, die er nicht nur als Krankheit begreift, sondern als besondere Form der Wahrnehmung. Kunst ist für ihn keine Therapie, sondern eine Strategie des Überlebens und der Selbstbehauptung.
Werkgruppen
Ludwigshafen
Langzeitprojekt über die Industriestadt am Rhein: Brachen, Leerstand, Abriss und das Fortleben einer Arbeiterkultur. Gezeigt u. a. im Ernst-Bloch-Zentrum und im Hallenbad Nord.
letsgotoludwigshafen.de →Consumption
Straßenfotografie in Berlin über die Bildwelten des Konsums: Schaufenster, Werbeflächen, Litfaßsäulen und die Menschen, die an ihnen vorbeigehen.
Zur Serie →Gesicht & Fiktion
Fiktive Selbstbildnisse, erzeugt mit einem eigenen, auf Selbstporträts trainierten Bildmodell (LoRA), lokal mit stable-diffusion.cpp. Jedes Bild trägt einen vollständigen Provenienz-Nachweis mit Parametern und SHA-256-Hash.
Zur Serie →Lebenslauf
Person
- 1972
- Geboren in Ludwigshafen am Rhein
- heute
- Lebt und arbeitet in Berlin
Ausbildung & Beruf
- 1997–2001
- Studium Marketing Communications, Hochschule Pforzheim
- 2006
- Tätigkeit in Werbung und Medien, danach freie künstlerische Arbeit
Ausstellungen & Projekte (Auswahl)
- 2024
- KI-KÖRPERKULTEinzelausstellung
- 2024
- Dauerausstellung
- 2023
- Fragmente. FotografieEinzelausstellung
- 2022
- Essen, Filmbeitrag
- 2021
- Ludwigshafen-Übersetzungen, Fotografie und FilmEinzelausstellung
- 2019
- Sünde, Schuld, Reinigung, Film-Triptychon mit Audio und Texten
- 2018
- Utopie aus Industrie – Von der Walzmühle zur Denkfabrik, 27 Fotografien
- 2017
- Let’s get away to Ludwigshafen, 28 Fotografien
- 2007
- Dauerausstellung
Stipendien & Förderungen
- 2020
- Künstlerstipendium des Landes Berlin
- 2019
- Projektförderung durch die Landesregierung Baden-Württemberg
- 2018
- Projektförderung durch das Land Rheinland-Pfalz
Publikationen
- 2026
- zine 1.2026
- 2021
- Walzmühle, Fotografien von Timo Schuster, Text von Arne Winkelmann
Presse (Auswahl)
- 2024
- SWR Kultur · KI-Körperkult im Antikensaal
- 2024
- Die Rheinpfalz · Ausstellung „KI-Körperkult“
- 2024
- Rhein-Neckar-Zeitung · Wie die KI den Körperkult verfremden kann
- 2024
- Universität Mannheim · Ausstellung im Antikensaal
- 2023
- Die Rheinpfalz · Fotografien im alten Hallenbad Nord
- 2021
- Die Rheinpfalz · Wie der Fotograf seine Heimatstadt sieht
- 2019
- Mannheimer Morgen · Gesellschaftskritik im Schleudergang
- 2019
- Die Rheinpfalz · Kunst im Waschsalon
- 2018
- Die Rheinpfalz · Die Fabrik als romantischer Ort
- 2018
- Mannheimer Morgen · Zeugnisse des industriellen Verfalls
Werktext
Zwischen Dokument und Interpolation
Die Ränder als Methode
Schusters fotografisches Werk ist eine Studie der Schwelle: zwischen Gebrauch und Verfall, zwischen persönlicher Erinnerung und kollektivem Vergessen. In Ludwigshafen, wo das Werksgelände den Horizont bestimmt, fotografiert er seit 2006 Brachen, Leerstand und Orte im Umbau. Die Kamera ist dabei weniger Taxonom als Zeugin; sie sucht nicht das exemplarische Gebäude, sondern die Spur des Lebens darin. Die Sarajevo-Arbeit von 1997, entstanden kurz nach dem Ende der Belagerung, zeigt diese Haltung früh.
Konsum als Bildraum
In Consumption verlagert sich der Blick in die Berliner Innenstadt. Schaufenster, Markenflächen und Werbeträger werden zu Bühnen, vor denen Passanten wie Statisten einer fremden Inszenierung erscheinen. Die Serie verbindet die dokumentarische Disziplin der Ludwigshafen-Arbeit mit einer Frage, die später zentral wird: Wer produziert die Bilder, in denen wir uns bewegen?
Gesicht & Fiktion: das interpolierte Selbst
Für Gesicht & Fiktion hat Schuster ein eigenes Bildmodell auf seinen Selbstporträts trainiert. Es erzeugt Bilder einer Person, die ihm ähnelt, in Situationen, in denen er nie war: als Cowboy, als König im Cabrio, als Badegast im Paparazzi-Schnappschuss. Die Prompts verlangen ausdrücklich Unvollkommenheit: Blitzlicht, schiefe Kadrierung, die Ästhetik billiger Digitalkameras der frühen Nullerjahre. Wo Cindy Sherman ihre Rollen noch leiblich verkörperte, ist Schusters Körper in diesen Bildern statistisch angenähert. Aus der Verkleidung wird eine Interpolation.
Provenienz statt Aura
Jedes Bild der Serie erscheint mit einem vollständigen Herkunftsnachweis: Software, Modell, Seed, Sampler, LoRA, Prompt und SHA-256-Hash. Wo KI-Bilder ihre Entstehung üblicherweise verbergen, legt Schuster sie offen. Damit stellt sich die Arbeit in eine Linie mit Thomas Ruffs analytischer Fotografie und Trevor Paglens Untersuchungen maschinellen Sehens. Autorschaft zeigt sich hier als Entscheidung über Parameter, Auswahl und Kontext.
KI-KÖRPERKULT
Im September 2024 brachte die Ausstellung KI-KÖRPERKULT mit dem Kunstverein Industrietempel KI-generierte Körperbilder in den Antikensaal des Mannheimer Schlosses. Zwischen den Abgüssen antiker Skulpturen trafen zwei Ideale aufeinander: der klassische Körper, der als Natur auftreten musste, und der algorithmische, der seine Gemachtheit nicht verbergen kann.